Freiwillige Flüchtlinge und wieso wir probleme damit haben

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Freiwillige Flüchtlinge und wieso wir probleme damit haben

Erwachsen werden…

Vielleicht gibt es keinen besseren ersten Beitrag für einen Anfang 20er als eine kurze Reflexion über das Heranwachsen zu einem scheinbaren Erwachsenen. Noch lebt man in einer Phase der Ambiguität, wird manchmal mit „Sie“ manchmal mit „du“ angesprochen und ebenso schwanken die Erwartungen und Enttäuschungen von anderen und einem selbst.
Erwachsen zu sein wird häufig in Kontrast mit der Kindheit gestellt. Was sich als schlüssig und trivial gibt, scheint nicht völlig einsichtig zu sein. Bedeutet Erwachsenwerden nicht einfach kein Kind mehr zu sein? Häufig ist ein nostalgisches Zurückblicken auf die (eigenen) Kindheit ja gerade das einzige, was einem vergegenwärtigt Erwachsen geworden zu sein
Vielleicht lässt sich aber auch ein positiver Zugang finden, schließlich gibt es einige Kinder und Jugendliche die es nicht erwarten können endlich den Zustand (vermeintlich) völliger Mündigkeit zu erreichen. Selbige stellen sich vor, dass sie nun endlich völlige Autonomie erreichen und selbstständig über ihr Leben bestimmen können. Aber vielleicht ist das auch eine recht moderne, westliche, ja bourgeoise Vorstellung. Bedeutet es zur Schule zu gehen und unter der (hoffentlich liebevollen) Führung der (häufig nicht mehr zwei) Eltern zu stehen wirklich weniger Autonomie als die Abhängigkeit von Lohnarbeit und staatsbürgerlicher Verantwortung?
Vielleicht ist es aber auch die Annahme größerer Verantwortung die es ausmacht Erwachsen zu sein. Dafür spricht dann auch, dass wir uns eben gerne in das weniger verpflichtende Kindsein zurücksehnen. Erwachsene zu sein heißt Verantwortung zu übernehmen, ja? Nunja, vielleicht. Aber stimmt denn das nun auch mit der angesprochenen Situation von Lohnarbeitern überein?
David Ellerman führt aus, dass moderne Arbeitsverträge auf dem Irrtum aufbauen, man könnte die Arbeitskraft von der restlichen Person (also dem Arbeiter) abspalten und verkaufen oder verleihen. Das Problem: Wir übersehen, dass wir das im Falle von kriminellen Unternehmungen nicht einfach akzeptieren:

„Suppose that an entrepreneur hired an employee for general services (no intimations of criminal intent). The entrepreneur similarly hired a van, and the owner of the van was not otherwise involved in the entrepreneur’s activities. Eventually the entrepreneur decided to use the factor services he had purchased (man-hours and van-hours) to rob a bank. After being caught, the entrepreneur and the employee were charged with the crime. In court, the employee argued that he was just as innocent as the van owner. Both had sold the services of factors they owned to the entrepreneur.“1

Natürlich würde der Angestellte ebenso für seine Tätigkeit belangt werden, wie der Arbeitgeber. Verantwortung lässt sich nicht einfach verkaufen. Jedoch wird dem Arbeitnehmer in nicht-kriminellen Situationen durchaus kein Recht auf das Produkt seiner Arbeit zugesprochen. Moderne Arbeitnehmer sind vertragstheoretisch (teilweise) entmündigt. Hinzukommt, dass Arbeiter in aller Regel keine bis wenig Einfluss auf die Gestaltung ihrer Arbeit haben. Zur vertraglichen Reduktion auf Warenstatus kommt hier noch die offensichtliche demokratische Entmündigung hinzu, insofern das Unternehmen nicht von den Arbeitenden selbstständig geleitet und koordiniert wird.
Wo ist denn nun die Verantwortung und die Selbstständigkeit geblieben? Es scheint fair zu sein, von einer institutionellen Infantilisierung von Arbeitnehmern zu sprechen.
Was bedeutet es also ein erwachsener Lohnarbeiter zu sein? Stimmt die Überlegung, dass Erwachsensein etwas mit Selbstständigkeit und größerer Verantwortung zu tun hat, muss man wohl konsolidieren, dass ein Großteil von erwachsenen Personen die meiste Zeit ihres Leben weiterhin ein einer Art trostlosen Kindheit stecken.
Paradox an dieser Beschreibung scheint zu sein, dass wir gewohnheitsmäßig Lohnarbeit als Inbegriff von Erwachsensein begreifen. Das dies eine privilegierte, die moderne Situation Millionen von arbeitenden Kindern übersehende, Position ist habe ich bereits angedeutet. Gerade die unhinterfragte Akzeptanz dieser undemokratischen, bevormundenden Situation deutet auf eine weitere Dimension des Kindseins erwachsener Arbeiter. Ist nicht die Glorifizierung des Moments ein Teil kindlicher Fröhlichkeit? Sind nicht Papa und Mama unhinterfragbare Größen, deren erster Autoritätsverlust auf die Vagheit und Bedrohlichkeit der Welt hindeutet? Ist es nicht kindlich (im besten Sinne des Wortes) glauben zu wollen, dass nicht alles furchtbar falsch läuft? Ist die Unschuld nicht das eigentliche was unsere Nostalgie antreibt? Der Glaube an die Unschuld des Lohnvertrags ist nichts weiter als der kindliche Traum von der eigenen Unsterblichkeit.
Ein Teil unserer Vorstellung von Erwachsensein entpuppt sich also als (systemisch gewollte) Fortsetzung mentaler und moralischer Kindlichkeit.
Bleiben denn nur Arbeitgeber als eigentliche, erwachsene Subjekte übrig? Bei näherem Hinschauen entblößen aber auch diese ihre kindliche Unschuldsillusionen. Zwar agieren diese in einer Weiße die gegenüber Arbeitnehmern in die Rolle eines Befehlenden resultiert, doch ist ihr Selbstverständnis häufig ebenso eines, welches die Situation als nicht-entmündigend versucht zu begreifen. Die Reflexion über die Situation von Lohnabhängigen stört die kindlich-narzisstische Selbstbehauptung als Wohltäter und offenbart die eigene Rolle als Sandkastenschubser. Sicherlich, einige Arbeitgeber werden sich in faschistoider Selbstbeweihräucherung ihrer Rolle als selbsternanntes Herrenvolk gefallen, doch die meisten werden ebenso naiv in diese Situation stolpern (wobei „stolpern“ hier nicht zu ernst genommen werden darf, werden doch die meisten wohl aufgrund der sozioökonomischen Stellung der Eltern bereits auf ihre Rolle sozialisiert worden sein) wie die großen Kinderheere der Arbeiterschaft.
Was ist denn dann noch mit dem Begriff des „Erwachsenen“ anzufangen? Ich denke der Schlüssel liegt zwischen den Begriffen der ‚Unschuld‘ und der ‚Selbsttäuschung‘. Entgegen dem Kind, welches noch im Privileg des Traumes einer geordnete, guten Welt leben darf, heißt es für den Erwachsenen eine reflexive, kritische und damit vielleicht melancholische Position einzunehmen. Eine Stütze dieser Deutung erleben wir, wenn wir über den Verlust der Kindheit von jungen Menschen sprechen, die durch Schicksalsschläge oder Verbrechen ihren naiven Weltzugang verlieren. Jedoch würde es zu weit gehen ein traumatisiertes Kind für einen Erwachsenen zu halten. Trauma ist nicht Einsicht ist nicht Verständnis und Weitsicht. Die kritisch-reflektierte Dimension fehlt und wird damit vielleicht zum Kern des Erwachsenseins.
Natürlich fehlt hier eine genauere Beleuchtung der Begriffe „kritisch“ und „Reflexion“ und stehen somit in der Gefahr zu polemischen Schlagwörtern zu werden und damit selbst zu einer intellektuellen Infantilisierung zu führen. Vielleicht ist Erwachsenwerden die eigentliche Bedeutung für das Philosophieren…

1. Ellerman, David – The Responsibility Principle and the Democratic Firm:                               http://grosjean-philippe.eu/IMG/pdf/Responsibility_principle.pdf

Erwachsen werden…